Nikotinhaltige Zahnstocher sind der neueste TikTok-Trend bei Jugendlichen. (Foto: © Andy Watkins / Unsplash)
An der Carl-von-Linde-Realschule in München sind Zahnstocher im Unterricht tabu. Der ungewöhnliche Schritt ist eine Reaktion auf einen TikTok-Trend, bei dem Schülerinnen und Schüler aromatisierte – teils nikotinhaltige – Zahnstocher im Mund behalten. Was auf den ersten Blick harmlos wirkt, alarmiert Lehrkräfte, Eltern und Suchtfachleute gleichermaßen.
Während des Schulunterrichts ist das Kauen an Zahnstochern an der Carl-von-Linde-Realschule in München jetzt verboten. Auslöser des Verbots ist ein TikTok-Trend, bei dem Schülerinnen und Schüler aromatisierte Zahnstocher im Mund behalten – denn teilweise sind diese mit Nikotin versetzt.
Was zunächst harmlos wirkt, hat die Schulleitung alarmiert: wegen möglicher Suchtgefahren, Verletzungsrisiken und wachsender Unterrichtsstörungen. Der kommissarische Schulleiter Harald Kraus reagierte damit auf zahlreiche Hinweise aus dem Kollegium. Lehrkräfte berichteten von Schülerinnen und Schülern, die während des Unterrichts auf Zahnstochern kauten.
Warum hat die Carl-von-Linde-Realschule Zahnstocher im Unterricht verboten?
Nach Angaben der Schulleitung störte das Kauen auf Zahnstochern zunehmend den Unterricht. Zudem besteht Verletzungsgefahr, wenn Kinder mit den spitzen Stäbchen im Mund über den Pausenhof rennen oder toben. Ein weiteres zentrales Problem: Für Lehrkräfte ist nicht erkennbar, ob die Zahnstocher Nikotin enthalten oder nicht. Um den Trend wirksam zu unterbinden, entschied sich die Schule für ein generelles Verbot.
Was steckt hinter dem aktuellen Zahnstocher-Trend bei Schülerinnen und Schülern?
Ausgangspunkt ist ein Social-Media-Trend, der sich vor allem über TikTok und Instagram verbreitet. Jugendliche – ebenso wie Prominente – zeigen sich dort mit Zahnstochern im Mund, lässig wie Filmfiguren aus Western oder Hollywoodproduktionen. Statt einfacher Holzstäbchen handelt es sich häufig um aromatisierte Zahnstocher mit Geschmacksrichtungen wie Menthol, Beeren oder Melone.
Enthalten diese Zahnstocher immer Nikotin?
Nein. In Deutschland sind offiziell nur nikotinfreie Zahnstocher erhältlich. Nikotinhaltige Varianten können jedoch über das Internet aus dem Ausland bestellt werden. Äußerlich unterscheiden sich die Produkte nicht. Genau das macht sie für Schulen problematisch: Im Schulalltag lässt sich nicht feststellen, ob ein Zahnstocher harmlos ist oder Nikotin enthält.
Wie gelangt Nikotin aus Zahnstochern in den Körper?
Beim Kauen wird das Nikotin, ähnlich wie bei Kautabak oder Nikotinpouches, direkt über die Mundschleimhaut aufgenommen. Der Konsum erfolgt geruchlos und ohne Rauch – und bleibt dadurch im Unterricht leicht unbemerkt.
Wie viel Nikotin steckt in einem solchen Zahnstocher?
Nach Einschätzung von Suchtmedizinern enthalten Nikotin-Zahnstocher zwischen zwei und sechs Milligramm Nikotin. Zum Vergleich: Eine Zigarette enthält etwa zwei Milligramm. Ein einzelner Zahnstocher kann damit eine deutlich stärkere Nikotinwirkung entfalten als eine Zigarette.
Warum warnen Experten besonders bei Kindern und Jugendlichen?
Fachleute sehen ein hohes Suchtpotenzial. Die Produkte werden zwar als Rauchstopp-Hilfe für Erwachsene beworben, finden aber zunehmend bei nikotinunerfahrenen Jugendlichen Anklang. Süße Aromen und die scheinbar harmlose Form sprechen gezielt junge Konsumenten an. Suchtmediziner warnen davor, dass so neue Nikotinabhängigkeiten entstehen.
Welche Rolle spielt TikTok bei der Verbreitung des Zahnstocher-Trends?
TikTok gilt als zentraler Treiber. Dort kursieren zahlreiche Videos, in denen Zahnstocher als cooles Accessoire dargestellt werden. Prominente Vorbilder verstärken den Effekt. Was online Aufmerksamkeit erzeugt, wird schnell im Alltag nachgeahmt – auch auf Schulhöfen.
Geht es beim Zahnstocher-Verbot nur um die Suchtgefahr?
Nein. Neben der möglichen Nikotinabhängigkeit nennt die Schule auch Sicherheitsaspekte. Zahnstocher sind spitz und können bei unachtsamem Verhalten zu Verletzungen führen. Das Verbot soll daher sowohl gesundheitliche als auch organisatorische Risiken minimieren.
Gibt es weitere Schulen mit ähnlichen Maßnahmen?
Bislang handelt es sich um eine Einzelfallentscheidung. Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus ist über den Fall informiert, hat jedoch keine Hinweise auf einen flächendeckenden Trend an bayerischen Schulen. Ein landesweites Verbot ist derzeit nicht geplant.
Wie sollten Schulen und Eltern mit dem Trend umgehen?
Suchtforscher raten zu Aufklärung statt Sanktionen. Jugendliche sollen darüber informiert werden, dass Nikotin eine stark abhängig machende Substanz ist – unabhängig davon, in welcher Form sie konsumiert wird. In Bayern ist Suchtprävention fester Bestandteil des Lehrplans, zudem gibt es an weiterführenden Schulen speziell zuständige Lehrkräfte für dieses Thema.
Warum sollten Eltern das Thema ernst nehmen?
Der Fall der Münchner Schule zeigt, wie schnell neue Konsumformen über soziale Medien in den Schulalltag gelangen. Produkte, die harmlos erscheinen, können erhebliche Risiken bergen. Nikotin-Zahnstocher verdeutlichen, wie niedrigschwellig der Einstieg in eine Abhängigkeit heute sein kann.